Michael Münch

Fotosynthetische Malerei

"Stammbaum" 120x125cm Öl auf Leinwand 2013

Fotosynthetische Malerei und Pop-Art                  english

 

Schon immer haben die Maler das dargestellt, was im Leben der Zeit wichtig und schön war.

Der Barockmaler verewigte reife Früchte, volle Weingläser und Wildgerichte in seinen Stillleben, weil das zum damaligen Geschmack gehörte. Andy Warhol bildete Suppendosen und Cornflakesschachteln ab, um den Lebensstil seiner Zeit wiederzugeben.

Der Hofmaler konterfeite seinen König oder illustrierte das Leben Jesu, weil das die wichtigsten Persönlichkeiten der damaligen Weltvorstellung waren. Andy Warhol druckte Portraits von Kino- und Musikstars, da die modernen Menschen sie für ihren Ideal nehmen.

 

Seitdem ist die Welt kleiner geworden. Früher sahen die Menschen ihre Welt in den Grenzen ihres Dorfes, ihrer Stadt oder ihres Landes von einer riesigen unbekannten und fremden Welt umgeben, von der man nicht viel wusste.

Heute haben wir einen sofortigen Zugriff auf Informationen von der ganzen Welt, Reisen dauern auch nicht mehr lange – wir können uns die weite fremdeWelt schnell nahe bringen. Der heutige Mensch ist mit mehreren Kulturen, Religionen, Sprachen vertraut und übernimmt von ihnenTeile für seine Weltvorstellung.


Man ist heute gewohnt, beinahe ununterbrochen mit Informationen von überall meistens in Form von Bildern konfrontiert zu sein, vieles gleichzeitig zu sehen, ganz schnell erkennen, zuordnen und verarbeiten zu müssen.


So ist es im „Glashaus“ (120x180cm Öl auf Leinwand 2010) – wir sehen in einem Gemälde Motive und Gesichter als Repräsentanten der Politik und Religion, Medien und Traditionen. Assoziationen von Macht und Ruhm sind mit banalen, alltäglichen Motiven vermischt.


Die Medien zeigen, wie das Leben sein soll, regen uns direkt durch Werbung oder indirekt durch Filme oder Presseberichte zum Konsum an. Alles was man sieht, ist zum raschen Verbrauch bestimmt, die Gesellschaft spiegelt sich im Konsum und Werbung wieder.


Bekannte Gesichter, eindeutige Szenen oder triviale Motive, genau solche, die in den Illustrierten oder Reklame vorkommen, wählt Michael Münch für seine Bilder, weil sie treffend und nachdrücklich die Einstellung dem Leben gegenüber in westlichen Gesellschaften symbolisieren.

Die Motive in „Muttertag“ (120x130cm Öl auf Leinwand 2009) erinnern an durch Werbung und Illustrierte suggerierte „Heile Welt“, aber die schreiende Frau ist wohl mit all den Anforderungen solches Lebens überfordert – es kostet zu viel Kraft, die Musterfrau zu sein.


Schon Andy Warhol hat für seine Kunst die Erkenntnis eingesetzt, dass die Fotografie und Film eine herausragende Rolle im Bewusstsein des modernen Menschen bei der Wahrnehmung der Realität spielen.


Michael Münch benutzt auch die filmischen Mittel bei der Formgestaltung seiner Gemälde – Totale, Großaufnahme, Bildschnitt und ähnlich dem Fotorealismus gemalte Motive erzeugen eine Realität für sich, der der Betrachter sich nicht entziehen kann. (Abb. „Sextherapie“140x120cm Öl auf Leinwand 2010)

 

Genau so wie Pop-Art, bedient sich die fotosynthetische Malerei der Medien und schreckt vor keiner Trivialität zurück, um den kollektiven Zeitgeist zu verkörpern.

 

Die Anhäufung verschiedener Symbole auf einer Leinwand bricht die gewöhnliche Assoziationskette, lässt den Betrachter nachdenken, erzeugt den Effekt der Verfremdung. Alles scheint nicht das zu sein, was es sein sollte, die Produkte und Ideologien, die sich hinter den Symbolen verbergen, werden in Frage gestellt, nach ihrer Wirklichkeit geprüft.

Nadeshda Münch
2009

Über Fotosynthetische Malerei


Der Begriff „Kunst“ beinhaltet Können und Künden und ein Künstler wählt eine Technik, die ihm ermöglicht das zu künden was er sich vorstellt, und den anderen Menschen seine Gedanken und Anschauungen zu übermitteln.

Während des Studiums an der Fachhochschule Köln entwickelte Michael Münch einen eigenen Malstil, eine poetische Variante des Surrealismus, den er Fotosynthetische Malerei nennt.


Schon in der Zeit des Dadaismus entwickelte Technik der Collage entspricht am besten der künstlerischen Absicht von Michael Münch. Dabei glaubt der Maler an das „Raub-Genie“, das, F.Nietzsche zitierend, „...entsteht, wenn jemand unbedenklich von jung an alles Gute, … als freie Beute betrachtet. Nun liegt alles Gute vergangener Zeiten und Meister frei umher, eingehegt und behütet durch die verehrende Scheu der Wenigen, die es erkennen: diesen wenigen bietet jenes Genie … Trotz und häuft sich einen Reichtum auf, der selber wieder Verehrung und Scheu erzeugt.“ (Abb. "Zeitvertrag" 54x72cm Öl auf Leinwand 2004)

Denn für seine Collagen verwendet Michael Münch Motive aus allen möglichen Quellen – Büchern, Illustrierten, Zeitungen, Postern, eigenen Fotos, etc. - Quellen, die uns jeden Tag neue Bilder und Eindrücke liefern – ohne Zusammenhang, schnell abwechselnd, neu, interessant und gleich wieder vergessen. Darüber sagt der Künstler selbst: „Das für die Fotosynthetische Malerei notwendige Vorlagenmaterial bildet die Voraussetzungen für die durch spontane Inspiration entstehenden Bildideen (Collagen), welche das Mittel sind, bildsprachliche Informationen über mein persönliches Unterbewusstes und über ein allgemeines Unterbewusstes in der Fotosynthetischen Malerei zu manifestieren, zum Zwecke persönlicher oder allgemeiner Wahrheitsfindung.“

Das schon von Surrealisten angewandte Verfahren des psychischen Automatismus ruft das Unterbewusste hervor, hilft dem Künstler sein eigenes Leben zu reflektieren und sich zu definieren. Dabei werden neue Bildinhalte gewonnen oder bekannte Themen auf eine andere, zeitgemäße Weise dargestellt.

Der Begriff „Fotosynthetische Malerei“ kommt von Foto (Bild) und Synthese (Verknüpfung zu einer Einheit).

An dieser Stelle muss man auf die Ähnlichkeit des Begriffs der Fotosynthese aus der Pflanzenwelt mit der fotosynthetischen Malerei hinweisen. Bei der Fotosynthese der Pflanzen handelt es sich um den Aufbau chemischer Elemente unter Einwirkung von Licht, was zum Wachstum der Pflanze führt. Bei der Fotosynthetischen Malerei ist das vorhandene Bildmaterial aller Art vergleichbar mit den in der Pflanze vorhandenen chemischen Bauteilen. Die geistesgegenwärtige Handlungsweise durch spontane Inspiration (Manipulation des Bildmaterials), woraus neue Bildinhalte (Collagen) entstehen, ist ähnlich dem Sonnenlicht, das den Verknüpfungsprozess veranlasst.

Die im fotosynthetischen Verfahren entstandenen Collagen sind kein Selbstzweck und werden von Anfang an als bearbeitungsbedürftig gesehen. Eine Collage an sich genügt dem Maler als Kunstwerk nicht, weil sie oft den ästhetischen Voraussetzungen eines Gemäldes (Kompositionsgesetze, Proportionen, Farbgebung...) nicht entspricht. So werden die Collagen durch Zeichnung und im darauf folgenden Malakt diesbezüglich verbessert. Michael Münch arbeitet in Öl auf Leinwand in realistischer Manier, so dass die dargestellten Objekte unbedingt als solche in dem gegebenen Zusammenhang erkennbar sind und der Betrachter mit dieser neuen Realität konfrontiert wird.


„Die Rätsel, die das Leben aufgibt“, die schon Giorgio de Chirico faszinierten, versucht auch Michael Münch in seinen Werken festzuhalten. Die Poesie, die den einfachen Sachen und Situationen inne lebt wird durch die Bilder dem Betrachter nahe gebracht, man sollte für einen Moment stehen bleiben und nachdenken – über sich selbst und die Anderen, über das Leben. So wie de Chirico betrachtet Michael Münch jedes Ding, auch den Menschen, als Sache. Solche Entfremdung weist auf die Wirklichkeit des Objekts im Kontext. Auch Rene Magritte strebte in seinem Denksystem die befreiende Enthüllung an – Befreiung von geistigen Gewohnheiten, die uns von der Außenwelt aufgezwungen werden.

Giorgio de Chirico und Rene Magritte sieht Michael Münch als seine geistigen Väter, noch einen Aphorismus von F.Nietzsche „Drei Denker gleich einer Spinne“ zitierend - „... der erste erzeugt aus sich den Saft und Samen, der zweite zieht ihn zu Fäden aus und spinnt ein künstliches Netz, der dritte lauert in diesem Netz … und versucht, von der Philosophie zu leben.“

Genauso wie de Chirico und Magritte stellt Michael Münch meistens „vertraute Gegenstände“ dar – in seinem Bildvokabular sind Gesichter, Planeten, Palmen, Rosen... - alles gewöhnliche und bekannte Sachen – nur treten sie miteinander in neue Beziehungen, es entsteht eine offene Struktur – offen für Rätsel und Poesie. (Abb. "Inselbewusstsein" 65x74cm Öl auf Leinwand 2004)


Fotosynthetische Malerei versucht, die Grenzen zwischen der gegenständlichen und abstrakten Malerei aufzulösen, da der Künstler die für ein Gemälde ausgewählten Motive wie abstrakte Elemente behandelt. In das lineare Bildgerüst werden Bildabschnitte, die konkrete Dinge darstellen, nach Gesetzen gegenstandsloser Bildkonstruktion statt geometrischer Figuren oder Farbflächen (wie z.B. bei H.Arp „Horizontal-vertikale Komposition“) eingesetzt. Die einzelnen Elemente werden durch Farbharmonie zusammengehalten, aber oft kann man nicht bestimmen, welches der Motive die Hauptsache des Gemäldes ist, was den Assoziationen die größte Freiheit lässt. (Abb. "Skandalmenü" 120x160 Öl auf Leinwand 2009)

In seinen Gemälden lässt Michael Münch oft von der klassischen Zentralperspektive ab - in der Mitte seiner Bilder ist oft „Nichts“. Das lässt den Blick frei über die Leinwand wandern und irgendwann schließt sich der Kreis und die vom Bild erzählte Geschichte erscheint aus dem „Nichts“.


So ist es bei „Dimensionenstreik“(100x120cm Öl auf Leinwand 2008). Da steht links ein kleines Mädchen und schaut empor, in den Himmel – ins Nichts. Im Hintergrund ein gewaltiger Brand, den die kleinen, ganz am Bildrand umher stehenden Menschen nicht mehr unter Kontrolle haben. Und von rechts schaut eine an eine griechische Göttin erinnernde Figur auf das Schauspiel nieder. Ist das das letzte Erdöl, das da verbrennt und mit ihm unsere Zivilisation? Ist das die leere kalte Erde, die die Menschen zugrunde gerichtet haben, die da oben schwebt? Das Mädchen sucht nach Hilfe, sie selbst kann ja nichts tun – ihr fehlen die Hände dafür. Aber die Göttin hilft nicht – sie scheint sich für die Menschen nicht besonders zu interessieren, sie ist selbst ziemlich angeschlagen. Die Figur ist unvollständig und man kann durch sie hindurch auf eine weite leere Fläche mit einem erhellten Horizont schauen – wieder ins Nichts. Und oben im „Himmel“ des Bildes hinter dem „Himmel“ mit dem Brand – ein geflügelter Fisch aus Stein – ein Sinnbild für Träume und Schlösser aus Wolken auf Sand, die über das Ganze vielleicht noch nicht zusammenbrechen?

Michael Münch vertritt die Meinung, dass ein Gemälde nicht nur als Selbstzweck Kunstwerk ist, sondern auch ein Dekorationsgegenstand für einen Raum. Daher seine Bestrebung nach Ästhetik sowohl bei der Wahl der Motive, als auch bei der Farbgebung, für die viele reine und leuchtende Töne charakteristisch sind. Denn nur wenn das ästhetische Empfinden des Betrachters erweckt ist, kann er über ein Gemälde nachdenken und davon fasziniert werden, wenn auch zuerst von den schönen Farben und erst dann von dem Dargestellten zu eigenen Gedanken kommen.

Andererseits versucht Michael Münch die Herkunft seiner Bilder von einer Collage nicht zu vertuschen. Im Gegensatz lässt er bewusst die Schnittkanten und fremdartige Hintergründe auf seinen Gemälden sichtbar, was den schnellen und ruckartigen Wechsel der Bilder und Situationen im Leben veranschaulicht. Der heutige Mensch soll sich in verschiedenen Situationen und an verschiedenen Orten völlig verschieden verhalten – zu Hause, im Job, auf der Straße soll man die von der Gesellschaft vorgegebene Rollen spielen, die oft zueinander im Widerspruch stehen. Sie sind wie einzelne Bilder, die auf einer Leinwand nebeneinander alle gleichzeitig zu sehen sind – und zusammen gebracht werden müssen.

Die Aufteilung des Gemäldes in voneinander abgegrenzte Einzelbilder treffen wir oft bei den Altären. Doch erzählt ein Altarbild nur eine bestimmte, vorgegebene Geschichte in ihren nacheinander folgenden Szenen nach, man soll sich dabei an eine bekannte Geschichte erinnern. Dagegen ruft ein fotosynthetisches Gemälde eine neue, nirgends festgehaltene, persönliche Geschichte des Künstlers und gleichzeitig eine Geschichte des jeweiligen Betrachters hervor. In einem fotosynthetischen Gemälde treten verschiedene Genres nebeneinander auf, was den Assoziationen freien Lauf lässt.

Die Auswahl der Motive und ihre Zusammensetzung zur Collage und einem Ölgemälde sind oft von privaten Erlebnissen und persönlichen Empfindungen des Künstlers bestimmt, jedoch können die Bilder auch bei den anderen Menschen ähnliche oder sogar gleiche Assoziationen hervorrufen. Der Betrachter vergleicht das Dargestellte mit seiner eigenen Denkweise, überprüft es – so wird das Subjektive zum Allgemeingültigen. Die Kunst ist menschennah, obwohl der Künstler sich dadurch selbst reflektiert.


So in „Baukasten“ (120x160cm Öl auf Leinwand 2009). Hier sehen wir einen Menschen von verschiedenen Perspektiven – ein Kind und ein Erwachsener, allein, im engen Kreis und in der Gesellschaft. Jedes einzelne Bild ist durch einen Rahmen abgegrenzt, jedoch verbindet die Farbgebung die Motive, so wie das Innenleben des Menschen ihn in allen Situationen bestimmt. Der Mensch wird im Leben mit vielen Sachen konfrontiert und davon beeinflusst – Natur und vom Menschen geschaffenes, Kunst und Religion, Medien und Gesellschaft – sie alle umgeben das kleine Kind (das Portrait des Künstlers), das für alles offen und empfänglich ist – und erst später sich darüber ein eigenes Bild machen wird – so wie Michael Münch dieses. Man kann beim Betrachten des Gemäldes über vieles nachdenken – über Schönheit der Natur – die unberührte Landschaft entführt in Traumwelten, wo auch freie Vögel zu Hause sind. Aber auch Schönheit der Kunst oder Schönheit der Zusammengehörigkeit mit anderen Menschen , die eine gemeinsame Idee verbindet. Und Trauer und Tod gehören auch zum Leben – hier durch Grablegung Christi dargestellt – jedoch ist der Tod nicht das Ende – die Idee, der der Mensch sein Leben gewidmet hat, lebt weiter.


Im Brockhaus-Lexikon lesen wir: „...für das Verständnis und die Deutung eines Zeitalters ist die Kunst aufschlussreich, da sein Gestaltungswille in ihr ungebrochen zum Ausdruck kommt und geistige Wandlungen sich in der Kunst oft am frühesten ankündigen.“ (Abb. "Szenenwechsel" 74x80cm Öl auf Leinwand 2006)

Michael Münch betrachtet die Gegenwart als ein Medienzeitalter, wo Menschen durch Reklame zu konsumfreudigenVerbrauchern manipuliert werden, die ihre Lebensweise auf Kosten der Natur und ungeachtet der Folgen fortsetzen sollen. Diese Kulturarbeitet mit Wort und Bild, also nutzt Michael Münch ihre eigenen Mittel, um der Medienkultur einen Spiegel vorzuhalten. Die Bilderflut, die dem heutigen Menschen von den Bildschirmen, Reklameschildern, Seiten der Illustrierten entgegen strömt, ist so stark, dass man die ganze darin enthaltene Information unmöglich verarbeiten kann und unbewusst manipuliert wird. Michael Münch nimmt die gleichen Bilder, verknüpft sie aber auf eine andere Weise zur festen Einheit, einem statischen Bild, worüber der Betrachter sich in aller Ruhe seine Gedanken machen und eine Geschichte ausdenken kann. Dadurch wird dem Menschen die ihn umgebende Welt bewusst gemacht, er fängt an, sie zu reflektieren und zu hinterfragen. Oft wird das Unterbewusste, das den Menschen bewegt, ans Licht gebracht, objektiviert.

 

Die Motive, die in „Gesetzlücke“ (135x105cm Öl auf Leinwand 2009) zusammengefügt sind, erinnern an das Umschalten von Fernsehsendern – Sujets, Landschaften, Tiere, Menschen wechseln ohne Zusammenhang. Michael Münch wählt oft besonders markante, schon einzeln genommen plakativ, sogar aufdringlich wirkende Motive, um seine Absicht noch deutlicher zu machen. So starren im Bild die weit aufgerissenen erschrockenen Augen den Betrachter an – ist es ein Alptraum? Aber da liegt doch am Strand einer idyllischen Bucht ein friedlich schlummerndes Pärchen – ist alles in Ordnung? Die Wechselwirkung von Tier und Mensch wirft weitere Fragen auf. Die Giraffe ist von Natur aus groß – de Mann kommt sich auch sehr groß und bedeutend in seiner großen Stadt vor – ist er das wirklich? Die Aggressivität des Sauriers ist ihm nicht wegzudenken – die als Domina angetane Frau mit Ketten und Lederkluft will auch so wirken – warum? Ist der kleine Affe, der so neugierig blickt der Betrachter selbst oder ein Sinnbild des satirischen Gelächters über das Menschenleben? Der Titel „Gesetzlücke“ unterstreicht das Problem – die Gesetze der Natur sind präsent, die menschlichen Gesetze sind gemacht und unvollkommen – und die Lücke – sie ist zwischen dem Menschen und der Natur – vielleicht hat der Mensch sie selbst geschaffen, so kann er sie auch schließen, wenn er mit der Natur zusammen lebt, denn die Tiere sind im Bild, wie auch in der Natur dem Menschen nicht untergeordnet – sie sind genauso wichtig und bedeutend.

Nadeshda Münch
2008
 

 

Manifest

zur Entwicklung der Fotosynthetischen Malerei

 


Definition der künstlerischen Absicht


Um meine persönliche Anschauung von einem kreativ arbeitenden Menschen zu verdeutlichen, ist es nicht erforderlich, um jeden Preis Bilder zu malen, sondern eigene Wirklichkeit, bewusster und unbewusster Art auszudrücken, in dem Metier, in dessen Handhabe man sich am besten versteht.


Der Versuch, das Unterbewusstsein bewusst in den Entstehungsprozess mit einzubeziehen, steht meiner künstlerischen Intention voran und endet in dem Versuch, die Rätsel die mir das Leben aufgibt, zu illustrieren. (Abb. „Seelenspiegel“ 65x104cm Öl auf Leinwand 1988)

Techniken:

Objektinszenierung

Ich stelle Objekte zusammen, die mir durch unterschiedliche Begebenheiten zugekommen sind. Meine Auswahl dieser Objekte lässt sich nicht als bloße Willkür bezeichnen, sondern liegt in der Faszination, die diese auf mich ausüben. Faszination entweder durch das Objekt selbst, oder durch die Konstellation mit der Begebenheit, durch welche es mir zu kam.


Ein dienliches Werkzeug für die weitere Behandlung dieser Objekte ist ein Glaskastenregal, welches teilweise mit Spiegeln ausgestattet ist. In ihm werden die Objekte zu einzelnen Inszenierungen von mir zusammengestellt. Jede dieser Objektinszenierungen wird solange durch hinweg nehmen oder hinzufügen von Objekten überprüft, bis sie sich für mich als Bildidee bestätigt.


Das weitere Umsetzen der Inszenierung in eine Komposition im Sinne der Malerei ist nur dann erstrebenswert, wenn die Inszenierung sich in ihrem Ausdruck hinsichtlich der Faszination, die sie auf mich ausübt, gesteigert hat. Diese Faszination resultiert aus der Tatsache, dass die Inszenierungen aus dem zweckfreien Spiel meines Denkens entstanden sind und meinen persönlichen psychischen Automatismus beinhalten. Da den bis zur Bildidee gereiften Objektinszenierungen keine direkten Themen vorausgingen, treibt mich die den Bildideen innewohnende Rätselhaftigkeit dazu, mich weiter auf der Leinwand mit den gewonnenen Bildideen zu beschäftigen. (Abb. „Männersache“ 65x95cm Öl auf Leinwand 1988)


Die nähere thematische Bestimmung der Bildidee entwickelt sich erst durch den Arbeitsprozess an der Leinwand und den damit verbundenen Auseinandersetzungen mit den Fragen um Proportionswahl, Komposition und farbige Gestaltung. Die Fertigstellung der durch die Kräfte des Unbewussten gewonnenen Gemälde offenbart sich im potentesten Falle als persönlicher Wirklichkeitsspiegel, welchem seine eigene Rätselhaftigkeit jedoch nicht entzogen werden kann.


Collage per se


Wegen des oft sehr lange andauernden Arbeitsprozesses in der Technik der Objektinszenierung habe ich zu einer anderen Möglichkeit im Sinne meiner Intention, Bilder herzustellen, gegriffen. Bei dieser Möglichkeit handelt es sich um das Gestalten von Collagen aus unterschiedlichen Materialien. Die Collage bietet mir eine Erweiterung meiner Ausdrucksmöglichkeiten in mehrfacher Hinsicht. Einerseits erlaubt sie ein direktes Umsetzen der durch das zweckfreie Spiel des Denkens entstandenen Bildidee, andererseits macht die Collage, bedingt durch das Vorlagenmaterial, möglich, spontan zu gestalten im Hinblick auf den aktuellen Zeitgeist. (Abb. „Wintergarten“ 70x58cm Material-Collage 1991)


Die Art des Ausdrucks, die den Collagen zu eigen ist, wirkt auf mich in ähnlicher Weise rätselhaft und dadurch gleichzeitig faszinierend, wie die durch Objektinszenierung entstandene Art des Ausdrucks in den Gemälden. Die Ursache liegt für mich darin, dass in den Collagen verschiedene Sachverhalte zu einer Konstellation zusammengefügt werden, die dadurch einen für mich rätselhaften und zugleich erzählerischen Charakter erhält, vergleichbar mit dem Charakter der Objektkonstellationen.


Collage als Vorlage


Obwohl Collagentechnik im Prinzip mein Konzept bestätigt und meiner Intention gerecht wird, zeigen einige Collagen, bedingt durch das Vorlagenmaterial, Schwächen in ihren Proportionen. Um die Potentialität dieser durch Collagen entstandenen Bildideen zu steigern, werden diese Bildideen in das Metier der Malerei übertragen. (Abb. „Totentanz“ 90x180cm Öl auf Leinwand 1993)


Malerei und Collage


Eine weitere Form der Bildherstellung im Sinne meiner Intention liegt im collagieren von Malerei, die ihrerseits aus schon erwähnten Methoden entstanden ist, mit Ausnahme von Gemälden, denen Modelle zugrunde liegen, welche jedoch in der Art ihres Auftretens von mir inszeniert wurden.


Die Notwendigkeit, einige dieser Gemälde teilweise zu Collagen umzugestalten, ergab sich für mich durch den Willen zur Provokation im Sinne einer bewussten Verfremdung und dem Drang, additiv, zusammenhangbildend und direkt auf das Vorhandene einzuwirken. (Abb. „Freidenker“ 105x85cm Öl und Collage auf Leinwand 1990)

Schlusswort

 

Der Traum bildet Erlebnisse des Unbewusstseins, die sich mit den Erlebnissen des Wachzustandes zu einem individuellen Dasein vereinen. Das Bewusstsein um diesen Zustand ermöglicht auf das eigene Ich bezogene, daseinsbedingte Wirklichkeit bzw. Wahrheit in Bildsprache zu manifestieren. Die thematische Bestimmung, welche durch die Titel der Bilder zum Ausdruck kommt, dient nicht der Auflösung des Rätselhaften, von dem gesprochen wurde, sondern der Differenzierung der verschiedenen Objektinszenierungen oder Collagen.

 

Im Übrigen, lehne ich es ab, mich interpretierend über meine Bildwerke zu äußern, da von mir eine möglichst autonome Bildsprache angestrebt wird.

 

Michael Münch

1992